850 Jahre Bergbau, Bergstadt und Bergtradition

 

Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří: 22 Bestandteile, zwei Länder, ein UNESCO-Welterbe

Die Montanregion: Weltweit herausragend

Unsere Region gilt weltweit als ein außergewöhnlich gut erhaltenes Ensemble montaner Landschaften und Bergstädte, Denkmale und Kulturtraditionen. Seit 2019 trägt sie den Titel UNESCO-Welterbe. Mit dem Zurückgehen des Bergbaus konnte sich die Natur der Gebirgslandschaft wieder freier entfalten. Wer die deutsch-tschechische Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří erkunden will, sollte sich daher aktiv bewegen. Entdeckerlust ist gefragt, um die Schönheit der Landschaft zu genießen: beim Wandern und Radfahren, bei Touren mit Eisenbahnen und Motorrad.

 

Die Kulturlandschaft: Geformt durch den Bergbau

Im sächsisch-böhmischen Erzgebirge entstand in 850 Jahren Bergbau eine vielfältige montane Kulturlandschaft. Mit dem Abbau und der Verarbeitung von Silber, Zinn, Kobalt, Eisen und Uran ab dem 12. Jh. entwickelte sich die Montanregion zu einem globalen Zentrum für Spitzentechnologien im Berg- und Hüttenwesen, für herausragende Leistungen in den Montanwissenschaften sowie für die Entwicklung einer staatlich kontrollierten Bergbauverwaltung. Alles Innovationen, die andere Bergbauregionen in Europa und der Welt maßgeblich prägten und neue Standards setzten.

 

Die Bergstadt: Eine Stadt für den Bergbau

Angepasst an den Bedarf der Bergleute und ihrer Familien entwickelte sich ab dem 15. Jh. ein neuer Stadttypus: die „Bergstadt“. Im Gegensatz zu diesen in unmittelbarer Nähe von Gruben gegründeten Städten wurden ab dem 16. Jh. Bergstädte nach den Idealen der Renaissance auf der grünen Wiese errichtet. Die über 30 historischen Zentren der Bergstädte sind heute keine musealen Stadtteile, sondern bewohnte Mittelpunkte der Einheimischen: Sie leben mitten im Welterbe. Die typischen Straßenzüge, die denkmalgeschützten Gebäude sowie die faszinierende Kunst und Kultur der Bergstädte zeugen vom Reichtum und der Bedeutung des Bergbaus. Sie lassen sich heute noch ausgiebig erkunden und sind wichtige Ankerpunkte für unsere Gäste.

 

Die Traditionen: Alles kommt vom Bergbau her

Der staatlich kontrollierte Bergbau (Direktionsprinzip) beeinflusste auch die Lebensweise der Menschen. Bis heute verstehen sich die Erzgebirger als starke Traditionsgemeinschaft mit eigener Identität. Bergmannsstolz und Frömmigkeit spiegeln sich in den Hallenkirchen der Bergstädte. Ihre Ausstattung, Ornamentik und Sakralkunst ist von Motiven des Bergbaus beeinflusst. Bei vielen Festen erklingen wahre Musikschätze: Bergmärsche, Weihnachtsmelodien und religiöses Liedgut. Die emotionale Atmosphäre erleben Gäste beim Bergstreittag, zu Festgottesdiensten in den spätgotischen Bergmannsdomen, auf Weihnachtsmärkten, bei Bergparaden und Mettenschichten. Die vom Bergbau inspirierten Handwerksprodukte, wie leuchtende Schwibbögen und Pyramiden, Bergmanns- und Engelfiguren, gehören zum weltweit einzigartigen Brauchtum des Erzgebirges.

 

Die Innovationskultur: Vom Erzgebirge in die Welt

Technologische Innovationen im Bergbau und Hüttenwesen formten eine Innovationskultur mit europa- und weltweiter Ausstrahlung. Innovationsfähigkeit ist daher eine typisch erzgebirgische Mentalität. In gut erhaltene Bergwerke einfahren, historische Technik in Funktion bestaunen und Landschaften entlang alter bergmännischer Wassersysteme erwandern: So ergründen unsere Gäste auf einer spannenden Zeitreise vom Mittelalter bis zur Gegenwart die Abbau- und Aufbereitungstechnologien, die ausgeklügelte Wasserwirtschaft und Vorläufer unserer heutigen Pumpentechnik.

 

Mit den herausragenden wissenschaftlichen Leistungen entwickelte sich das Erzgebirge zum Zentrum der Montanwissenschaften. An der Bergakademie Freiberg, der ältesten Bergbauuniversität der Welt, wurden Geologie und Mineralien intensiv erforscht, neue chemische Elemente entdeckt, technische Verfahren, Bildungssysteme und Lehrmethoden entwickelt.

 

Das UNESCO-Welterbe: Grenzenlos vielfältig und authentisch erlebbar

Unsere montane Kulturlandschaft mit ihren Bergstädten und Bergbautraditionen ist in dieser Art einmalig auf der Welt. Deshalb trägt die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří den Titel UNESCO-Welterbe. Die 22 Bestandteile in Sachsen und der Tschechischen Republik repräsentieren die komplexen historischen Zusammenhänge mit einem hohen Maß an Authentizität und bieten außergewöhnlich vielfältige touristische Erlebnismöglichkeiten.

 

 

 

Innovative Technik erfunden und weltweit genutzt

 

UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří: Wassersysteme und Hüttenwesen 

Im erzgebirgischen Bergbau wurden viele neue Technologien für den Abbau, die Aufbereitung und die Verhüttung von Erzen entwickelt und perfektioniert. Für das 16. Jh. gilt das Erzgebirge als das wichtigste montane Technologiezentrum der Welt. Von hier gingen die neuen Erfindungen ihren Weg in viele europäische und weltweite Bergbaureviere.

 

Von der Kunst des Wasserhebens: Die Erfindung des „Kunstgezeugs“

Wegweisend war zunächst die Entwicklung leistungsstarker Entwässerungsanlagen für die Bergwerke. Denn diese Technologien lösten das Problem, auch in tieferen Schichten die Erze zu fördern. Gruben konnten nun bis in mehrere hundert Meter getrieben werden. Die Pumpensysteme waren aus Kolbenpumpen sowie Gestängen konstruiert und wurden „Kunstgezeug“ genannt. In der Zinngrube Ehrenfriedersdorf wurde das nach diesem ersten Einsatzort benannte „Ehrenfriedersdorfer Kunstgezeug“ 1540 eingesetzt. Die originale Radkammer und Nachfolgeanlagen aus dem 19. Jh. sind heute noch zu sehen.

 

Im Buch „De re metallica“ (1556, dt. Vom Bergwerk) des Arztes, Humanisten und Gelehrten Georgius Agricola sind diese Innovationen dokumentiert. Es war das erste wissenschaftliche Lehrbuch, das alle damals bekannten Bergbautechnologien darstellte. Agricola wird daher weltweit auch als „Vater der Bergbaukunde“ bezeichnet. Das „Kunstgezeug“ wurde im tschechischen Jáchymov weiterentwickelt und für mehr als 200 Jahre die weltweit dominierenden Wasserhebetechnik. Es ist der Vorläufer anderer moderner Pumpentypen.

 

Von der Kunst des Tunnelbaus: Gruben, Stolln und Wassergräben

Neben Pumpen wurden auch Tunnel und Gräben zum Wassertransport genutzt. Im 15.Jh. entstand der „Markus-Semmler-Stolln“, ein technologisches Meisterwerk zur Entwässerung von Bergwerken. Er wurde im 20.Jh. bis auf 220 km Länge ausgebaut und ist heute der längste ununterbrochen betriebene Stolln Deutschlands. Er entwässert das Schneeberger Revier. Höhepunkt der Ingenieurskunst ist der „Rothschönberger Stolln“, der bis heute einen großen Teil des Freiberger Reviers entwässert. Mit einer Länge von über 50 km war er zu Beginn des 20. Jh. der längste unterirdische Bau der Welt. Diese Anlagen können Touristen erwandern, z.B. auf der „Grabentour“ mit Lehrpfad (Start in Reinsberg).

 

Von der Kunst der Erzaufbereitung: Nasspochwerke, Schmiedehämmer und Saigerhütten

Die Nutzbarmachung der Wasserkraft brachte den Grubenbesitzer Sigismund von Maltitz auf die Idee, in seinen Gruben bei Dippoldiswalde erstmals Nasspochwerke (1507) zu betreiben. Das Erz wurde nunmehr unter ständiger Wasserzufuhr zerkleinert. Unbrauchbares leichtes Taubgestein wurde so leichter abgeführt, die Erzverluste durch Verstaubung reduziert. Dieses Verfahren verbreitete sich weltweit und revolutionierte die Erzgewinnung im britischen Cornwall, ebenfalls UNESCO-Welterbe.

 

In diese Aufbereitungstechnik geben die Museen in Altenberg, z.B. die „Wäsche IV“, und um Schneeberg, z.B. das „Siebenschlehener Pochwerk“, interessante Einblicke. Schmiedehammerwerke profitierten ebenfalls von diesen technischen Innovationen der Wassernutzung und sind mancherorts noch in Funktion zu erleben, etwa im „Frohnauer Hammer“ (17.Jh.) bei Annaberg-Buchholz. Es ist das älteste geschützte technische Denkmal Sachsens und das älteste Schmiedemuseum Deutschlands (seit 1907).

 

Im Hüttenwesen perfektionierten die Erzgebirger eine neue Methode der Silberproduktion: das „Saigern“ aus dem Nürnberger Raum. Eine Vorstellung davon vermittelt den Gästen die Saigerhütte Grünthal (1537) bei Olbernhau. Sie war ein autarker frühindustrieller Hüttenkomplex, der wie eine kleine Stadt funktionierte. Damals war das Saigern das innovativste Verfahren, um Silber aus silberhaltigen Kupfererzen zu trennen. So gewannen die Hüttenleute neben dem wertvollen Silber auch reineres, hochwertiges Kupfer. Das Grünthaler Dachkupfer ist immer noch auf berühmten Bauwerken zu sehen, z.B. auf dem Dresdner Zwinger, dem Ulmer Münster und dem Stephansdom in Wien. Heute ist die Saigerhütte ein restaurierter Denkmalkomplex mit Museum, Hotel sowie Restaurant und in ihrer Vollständigkeit einzigartig in Europa.